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Herausforderung am Weißen Berg

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Hauptsache ankommen. Das ist das Ziel, das sich die drei oberösterreichischen Ultraläufer Christina Khinast, Ambros Mühlbachler und Josef „Joe" Güntner setzen, als sie den 105-Kilometer-Lauf im Mont Blanc Massiv in Angriff nehmen.

Angekommen sind sie, müde und frohgemut als die Helden der Alpen, 27 Stunden später!

 

Nach 105 in einem Stück gelaufenen Flachlandkilometern sind die Waden im Durchschnitt um einen Zentimeter dicker, die Oberschenkel haben gar um drei Zentimeter zugelegt, dafür ist die Taille um zwei Zentimeter geschrumpft. Liegen die 105 Kilometer im Hochgebirge und ist daher zeitgleich mit der Strecke eine Höhendifferenz von 6700 - laut Veranstalter „positiven" - Höhenmetern zu absolvieren, können diesen Durchschnittswerten locker 20 % zugeschlagen werden. Dem Ultraläufer geht es aber weniger um das Abrücken oder Annähern an ein menschliches Schönheitsideal, sondern vielmehr um das besondere Lauferlebnis, bei Nichtläufern besser bekannt unter der Bezeichnung „Strapaze pur". 105 Kilometer bei 6700 Höhenmetern - der praktizierende Ultraläufer weiß bei diesen Angaben vermutlich gleich, um welches Lauferlebnis es sich handelt - klar: um einen Bewerb im Rahmen des North Face Ultra Trail du Mont Blanc, den härtesten Bergläufen der Welt, die heuer bereits zum siebten Mal in den Westalpen zwischen Frankreich, Italien und der Schweiz für bewegende Momente gesorgt haben.

 

Harte Vorbereitung ...
Schön ist es hier in Chamonix und seinen Nachbargemeinden. (Sehr) hohe Berge, fährt man ein Stück mit der Gondel nach oben, noch mehr (sehr) hohe Berge so weit das Auge reicht. Wahrlich, die Alpen laufen im schweiz-französisch-italienischen Grenzgebiet zu ihren Höchstformen auf. Zentraler und unübersehbarer Mittelpunkt ist der wunderschöne Mont Blanc/ Monte Bianco, der weiße Berg. Mit seinen 4808 Metern der mächtigste Gipfel der Alpen - je nach Sichtweise eventuell sogar Europas - stellt er Fels und Eis gleichermaßen zur Schau und bildet die imposante Kulisse für Natur- und Sportfreaks von überall her. Tummeln sich um und auf dem Mont Blanc in der Regel Bergsteiger, Kletterer, Schifahrer und Tourengeher, so ist die Gegend einmal im Jahr für vier Tage und Nächte das Eldorado für die Ultras dieser Welt. Es herrscht kribbelige Aufbruchstimmung. Insgesamt stehen beim North Face Ultra Trail du Mont Blanc vier Bewerbe zur Wahl, einer davon ist der 105 Kilometer lange Sur les Traces des Ducs de Savoie mit Start in Frankreich und Ziel in Italien, retour zum Ausgangspunkt geht es bequem mit dem Shuttlebus. Christina Khinast, Ambros Mühlbachler und Joe Güntner gehen diese Distanz an und machen so Bekanntschaft mit vier, fünf Hochgebirgszügen, die es innerhalb eines Zeitlimits von 29 Stunden möglichst laufend zu überqueren gilt. Der geneigte Schönwetter-Sonntagsläufer oder Nicht-Sportler möchte nun annehmen, dass sich zu einem derart verrückten und für den Läufer durchaus kostenintensiven Bewerb freiwillig maximal eine Handvoll Läufer meldet. Mitnichten. Die Zeitnehmerzahl bei allen vier Bewerben ist mit 5500 limitiert. Mehr als doppelt so viele Menschen melden sich jährlich an, sodass die Bewerbung um den Startplatz durchaus schon als die erste Wettbewerbshürde angesehen werden darf. Jeder Startanwärter muss dem Veranstalter Qualifikationsläufe nachweisen, aus denen seine Berglauf-Erfahrung und -Tauglichkeit klar hervorgeht. Unmengen an Unterlagen und Attesten sind einzureichen, die körperliche und psychische Eignung für einen stundelangen Hochgebirgslauf ist zu belegen. Wer der französischen Sprache nicht mächtig ist, verlängert seinen Bewerbungsprozess in der Regel automatisch nochmals um einige Tage, denn beim Mont Blanc Trail wird prinzipiell nur französisch gesprochen - sans moufter! Ist die Identität vor Ort eindeutig nachgewiesen, händigt der Veranstalter endlich die begehrten Startunterlagen aus und weist nochmals eindrücklich auf die Pflichtgegenstände hin, die jeder Läufer ins Gebirge mitzutragen hat: vom Personalausweis für den Grenzübergang (es lebe Europa!) über die Stirnlampen, die Überlebensdecke, die adhäsiv elastische Binde bis hin zur Strumpfhose, der Pfeife und dem persönlichen Trinkbecher, denn an den Labestationen gibt es zwar zu trinken, aber keine Becher. Dann endlich, am Samstag um fünf Uhr früh bei Anbruch der Dämmerung, fällt der Startböller zum Hauptteil des Abenteuers, dem laufen, laufen, laufen.  

 

... hammerharter Lauf ...
Warum aus den geplanten 20 bis 22 Stunden Laufzeit letztlich 27 Stunden geworden sind, das hat die drei Top-Ultraläufer aus Oberösterreich noch eine zeitlang stark beschäftigt. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: der Lauf ist einfach hammerhart. Sandige Anstiege, die laufend gar nicht mehr zu bewältigen sind, gefolgt von gerölligen Abstiegen, bei denen jeder Tritt sitzen muss, sonst sitzt man selbst in Windeseile, nämlich am Hintern. Manchen Ultras helfen Wanderstöcke, die ein wenig Stabilität und Sicherheit geben, manchmal aber auch behindern. Die besten Berglaufschuhe schützen nur fallweise vor den spitzen Steinen, doch in Bergschuhen zu laufen wäre auch keine Alternative, sondern ein blasentechnischer Megagau. Ist eine Bergkette bewältigt, wartet gleich die nächste. Wieder rauf, wieder runter - zur nächsten Bergkette und zur nächsten. Der körperliche und psychische Kraftaufwand ist enorm, speziell dann, wenn die Nacht Einzug am Berg hält. Neben dem unwegsamen Gelände, das im Schein der Stirnlampe nur schwach ausgeleuchtet ist, machen sich Müdigkeit und vor allem die Kälte breit. Knapp über Null zeigt das Thermometer und jede Labestation ist willkommen, denn der heiße Tee oder eine ordentliche Koffein-Ladung schießen wieder Energie in die müden Glieder. Extremes Haushalten mit der Kraft ist angesagt. Nachtstunde um Nachtstunde vergeht, Ambros fallen von Zeit zu Zeit regelrecht die Augen zu. Der (Sonn)-Tag bricht an, doch das Ziel ist für die drei erst erreicht, als die Sonne schon über den Berg ist. Um acht Uhr in der Früh laufen Christina, Ambros und Joe Schulter an Schulter durch den italienischen Zielbogen und legen so eine Punktlandung zum wohlverdienten, aber wenig g`schmackigen oder gar läufergerechten Frühstück hin. Natürlich hat der etwas spätere als geplante Zieleinlauf auch seine gute Seiten. Um acht Uhr morgens sind schon einige Menschen erwacht und das Empfangs-Komitee dementsprechend bestückter. Zehn, 15 Personen stehen zu dieser Zeit schon im Zielbereich und applaudieren. Wer hingegen in der Nacht eintrifft, kann sich zwar noch bei Dunkelheit ein paar Stunden aufs Ohr hauen, hat aber eine Fanmeile, die gerade mal aus einer Omi besteht, die nächtens nicht mehr schlafen kann. Aus purer Langeweile geht sie Läufer-Schauen. Ohne zu applaudieren - denn für sie sind das nur „Spinner".  

 

... große Emotionen im Ziel
Kaum ist das Finishergeschenk - eine knallrote warme Fleecejacke - ausgefasst, fragt sich der ordentliche Ultra das letzte Mal im Rahmen des soeben abgeschlossenen Bewerbes: Warum tue ich mir das alles an? Der wahre Kick ist der Zieleinlauf, das Gefühl, etwas Außergewöhnliches geschafft zu haben. Das macht stolz. Spätestens nach einer ordentlichen Dusche, nach dem Essen, Schlafen und einer gehörigen Finisherparty mit vielen, vielen „angekommenen" und entspannten Menschen im Startgelände der Bewerbe sind die Strapazen so gut wie ganz vergessen und der Wunsch, eine schwarze warme Fleecejacke zu besitzen, steigt. Die schwarze warme Fleecejacke, die bekommen jene Finisher, die die nächst längere Distanz bewältigt haben: 166 Kilometer bei 9400 positiven Höhenmetern und das bei einem Zeitlimit von 46 Stunden maximal. Im nächsten Jahr soll es für die drei Oberösterreicher so weit sein. Und dazwischen locken all die anderen, außergewöhnlichen Ultraläufe dieser Welt.

Ein Bericht von Ambros Mühlbachler 

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