
Ötztaler Radmarathon 2009 - 238Km und 5.500 Hm
02. September 2009
Sölden Sonntag, 30. August 2009, 6.45 Uhr. Sonnenaufgang bei 2,5°. Es riecht nach Muskelöl. Aus den Lautsprechern tönt "Take a long way home" granzt an Sarkasmus.
Ich stehe mit anderen 4.799 Radfahrern am Start und warte endlich losgelassen zu werden. Habe ein mulmiges Gefühl im Magen. Sind es die Spaghetti, welche ich um 4.15 Uhr gegessen habe oder ist es die Aufregung, die Angst vor der Ungewissheit, ob, wo und wann dieser Tag heute enden wird. Ich weiß es nicht. Eines ist sicher: Bester Italiener werde ich heute wohl nicht werden. Sind doch wieder einmal Halb-, Ex- und Echt-Profis aus Italien am Start. Alle mit Edeldomestiken, Betreuerwagen und was weiß ich noch.
Aber bester TriRunner? Sollte sich schon ausgehen. Pünktlich ging es los. Ich war in der Startaufstellung im vorderen Drittel und versuchte von Anfang an gleich ordentlich Tempo zu machen um aus der Masse von Startern wegzukommen. Das Feld zog sich auf den 30 km von Sölden nach Ötz mächtig in die Länge. Vorne wurde gebolzt was das Zeug hält und so formierten sich immer mehr kleinere Gruppen, welche wiederum versuchten zusammenzufinden. Es war überhaupt nicht langweilig. Dann der erste von 4 Anstiegen. Das Kühtai. 17,3 schweißtreibende bergauf Kilometer und 1.200 Höhenmeter wollten überwunden werden - bei Spitzensteigungen von über 14%! Oben ein herrliches Bergpanorama. Die Berggipfel strahlten in der Sonne. Die Wiesen im Schatten mit Raureif überzuckert - logisch, bei knapp 0 Grad. Viel Zeit blieb dafür nicht übrig, denn rasant ging es wieder hinunter ins Tal. Eine Abfahrt ohne Spitzkehren mit laaaaangen Geraden. Ein Fall für Speed-Freaks. Ich ließ meiner Princessin freien Lauf und sie dankte es mir mit einer Spitzengeschwindigkeit von knapp 100 km/h.
Unten im Tal dann der Kampf um eine gute Gruppe. Denn von Kematen ging es über Innsbruck hinauf auf den Brenner, der 2. Anstieg des Tages. Ein nicht allzu steiler aber dafür langer (über 50 km). Mit Hilfe eines VW Busses, dessen Windschatten ich nutzte, schaffte ich den Anschluss an eine etwa 30 Fahrer umfassende Gruppe. Trinken, Essen, Radeln- an mehr konnte ich derzeit nicht denken - die anderen aber auch nicht. Innsbruck - Brenner, das sind ca. 40 km und 900 HM. Dass eine solche Strecke in der Gruppe lustiger ist, zeigt die Durchschnittsgeschwindigkeit mit der ich in einer solche dabei meinen Spass hatte. Über 30 km/h. Es war ein ständiges zupfen, was viel Kraft kostetet. Neben dem Essen, Trinken und Radeln dachte ich jetzt schon auch daran, möglicherweise etwas zu schnell zu sein. Ab dem Brenner warten noch 120 km, die Hälfte davon bergauf (Jaufenpass und Timmelsjoch). Am Brenner selber erste Labe für mich. Getränke auffüllen, eine Backerbsensuppe und dann ab nach Sterzing und dann in den Jaufenpass, 21,1 km von 960 auf 2.100 Meter.
Für alle, die den Ötztaler nicht zum ersten Mal bestreiten eine Gewissheit, dass das Rennen erst hier beginnt. So war es auch dieses Mal. Was bis jetzt ein Geplänkel war, wurde zum Kampf. Meter für Meter nach oben. Schweißtropfen für Schweißtropen. Mit starren Blick nach vorne. Kehre für Kehre. Ich weiß nicht wie viele Tode ich auf diesen 21,1 km gestorben bin. Fakt ist nur, dass es eine Auferstehung mehr war, so dass ich endlich oben ankam. Es waren knappe 6 Rennstunden vergangen und ich stürzte mich in die Abfahrt Richtung St. Leonhard im Passeier. Ganze 21 war ich mit bremsen, steuern und antreten beschäftigt. Sichtlich Spass machte das nicht nur mir, denn meine euphorischen Schreie haben auch die Zuschauer angespornt lauter zu werden. Dann, endlich unten. Nur noch ein Berg vor mir. 31,4 km und 1.759 Höhenmeter. Mit viel Respekt führ ich in den Berg hinein und es passierte, was passieren musste. Meine Beine wurden schwer. Sie wirkten wie Blei. Ich habe wohl zu viel Kraft liegen lassen. Auch das mit dem berüchtigten Hungerast bewahrheitete sich. Trotz Gel-Vorrat im Trikot habe ich vergessen, diese zu nehmen. Elend lange Serpentinen hinauf und das Verlangen nach festem Essen waren meine Begleiter.
Kaum sah ich aber etwas zu essen wurde mir ...... übel. Da hilft nur etwas , was dir Flügel verleiht. Also viel Red Bull und Cola. Aber ich blieb am Boden und meine Räder am Asphalt. Grauenhaft. Wie im Trance fahre ich die letzten Kilometer. Ich hatte einen Traum. Und dieser scheint unerfüllt zu bleiben. Noch 3 Kehren. Zuschauer, die mich anfeuerten. Ich fühle meine Beine wieder. Ich sehe ein Licht am Ende des Tunnels - jener, der mich von der Südtiroler Seite auf die Tiroler Seite des Timmelsjoch bringt - nur noch 1 km bis zum höchsten Punkt auf über 2.500 Metern. Und das schöne daran - bei strahlendem Sonnenschein. "Hier hast Du Deinen Traum" steht in großen Lettern auf einem Transparent. Ich bin oben. Nur noch knappe 30 km. Nichts wie runter. Meine Bremsgummi sind bereits aufgebraucht, so dass ich in den Kurven bereits lang werde und mächtig Mühe habe, meine Princessin in die richtige Fahrtrichtung zu bringen. Leitplanken, Felsen und Bäume kommen verdammt nahe heran. Jetzt nur nein paar lange Geraden und ein gefürchteter Gegenanstieg zur Mautstelle bei Hochgrugl. Die Zeit vergeht. Ich will nur mehr nach Sölden. Ich erinnere mich wider daran, was ich im Triathlon Training gelernt habe. Große Gänge und Druck machen. Also, große Gänge und Druck mache. Hinter mir bereits eine Traube an Rennfahren. Mein Windschatten ein beliebtes Souvenir aus den Ötztaler Alpen. Was soll's denke ich. Ein Blick auf die Uhr. Wahnsinn. Mein Wunsch war eine Zeit unter 10h. Ich hatte noch 5 Minuten. 5 Minuten um unter 9h30 zu bleiben.
Die letzte Kurve hinein nach Sölden. Dann die lange Dorfstrasse. Letzter Kilometer. Ein Blick auf die Uhr 9h27. Dickster Gang und volle Kraft. Zuschauer und Jubel links und rechts. Kurz anbremsen, nach rechts steuern antreten, über die Brücke und vor mir das Ziel. Aus. Fertig. Finito. Basta. 9h28min45sek! Das ist auf 238km und 5.500HM ein Schnitt von 25,104km/h. Obwohl ich nicht bester Italiener geworden bin (Sieger ein gewisser Negrini in einer Zeit von 7h07), bin ich trotzdem stolz auf diese Zeit, auch wenn ich in den Bergen viel verloren habe. Ich komme wieder mit einem Pickerl am Lenker mit dem Wortlaut "ESSEN!". Denn nach dem Rennen zu essen, ist ein wenig zu spät. Auch wenn's schmeckt. Prost. Mahlzeit.
Ein Bericht von Cristian Gemmato











